Am 19. März 2026 erschien Crimson Desert. Einen Tag später begannen Spielerinnen und Spieler, Screenshots in sozialen Netzwerken zu teilen – Gemälde aus Herrenhaus-Wänden mit Pferden, die zu viele Beine hatten, und Menschen mit verzerrten Gesichtern und falscher Fingerzahl. Die Zeichen waren eindeutig: KI-generierte Bilder, versehentlich im fertigen Spiel.
Was passierte und wie Pearl Abyss reagierte
Drei Tage nach Release, am 23. März, bestätigte Entwickler Pearl Abyss offiziell den Sachverhalt. Einige 2D-Props – vor allem Gemälde und Portraits als Dekoration in Innenräumen – waren während der frühen Entwicklungsphase mit generativen KI-Tools erstellt worden, um schnell Tonalität und Atmosphäre zu erkunden. Diese Assets sollten eigentlich vor dem Launch ersetzt werden, landeten aber versehentlich im fertigen Spiel. „Wir hätten unsere KI-Nutzung klar offenlegen müssen“, schrieb das Studio. Das war auch nötig: Crimson Deserts Steam-Seite enthielt zum Zeitpunkt des Releases keine entsprechende Kennzeichnung, was gegen Valves Offenlegungsrichtlinien verstieß.
Mit Patch 1.01.00 Ende März wurden die betroffenen Assets durch handgefertigte Illustrationen ersetzt. Die Steam-Seite trägt seitdem einen KI-Disclosure-Hinweis. Dass Pearl Abyss betont hatte, ausschließlich echte Sprecher für alle Charaktere einzusetzen, machte die fehlende Transparenz bei den Grafiken noch schwerer zu erklären.
Clair Obscur und ein Muster, das sich wiederholt
Der Fall Crimson Desert ist kein Einzelfall – er ist inzwischen Teil eines Musters. 2025 traf es Clair Obscur: Expedition 33 von Sandfall Interactive, das bei den Indie Game Awards 2025 mit zwölf Nominierungen einen Rekord aufgestellt und neun Preise gewonnen hatte, darunter Indie Game of the Year und Best Debut Game. Noch am Tag der Preisverleihung bestätigte Sandfall, KI für temporäre Platzhalter-Texturen verwendet zu haben. Beide Auszeichnungen wurden daraufhin zurückgezogen. Wie Pearl Abyss erklärte Sandfall, die Assets seien als Platzhalter gedacht gewesen und hätten versehentlich den QA-Prozess überlebt.
Auch Arc Raiders von Embark Studios und The Alters von 11 Bit Studios standen 2025 vor demselben Problem: KI-generierte Platzhalter, die irrtümlich im veröffentlichten Spiel blieben, öffentliche Entschuldigungen, schnelle Patches.
Warum das Vertrauen trotzdem beschädigt bleibt
Pearl Abyss hatte Crimson Desert intensiv als handgemachte Erfahrung vermarktet. Dass ausgerechnet in diesem Kontext KI-Assets im Spiel landeten, hinterließ bei einem Teil der Community ein Unbehagen, das auch nach dem Patch nicht vollständig verschwand: Wer weiß, was noch übersehen wurde?
Dabei zeigt das Beispiel auch, wie schnell die Spielerbasis weiterzieht. Crimson Desert verkaufte sich trotz des Skandals über drei Millionen Mal und stellte Wochen nach Release einen neuen Steam-Concurrency-Rekord auf. Die Steam-Bewertungen stiegen nach den Patches auf „Sehr positiv“. Das Kernspiel – ein offenweltiges Action-RPG auf der Fantasieinsel Pywel, gelobt für seine Erzählstruktur und Bewegungsfreiheit – hat sich offenbar stärker ins Bewusstsein eingebrannt als die Kontroverse.
Was die Branche daraus zieht
Die Reaktion unter Entwicklerinnen und Entwicklern war aufschlussreich. Nach Bekanntwerden des Scandals teilten viele ihre eigenen Platzhalter-Assets öffentlich: grobe MS-Paint-Zeichnungen, leuchtend pinke Texturen, absichtlich hässliche Symbole. Die Botschaft dahinter war klar – wer echte Platzhalter benutzt, verwechselt sie nicht mit releasefahigen Assets. Generative KI-Bilder dagegen sehen auf den ersten Blick überzeugend aus, weshalb sie durch QA-Prozesse schlüpfen können.
Ein Bericht aus der ersten Jahreshälfte 2025 hatte bereits gezeigt, dass eines von fünf Spielen auf Steam generative KI im Entwicklungsprozess einsetzte. Die Debatte dreht sich seitdem weniger darum, ob KI verwendet wird, sondern darum, wie transparent Studios damit umgehen. Manche Preisvergabe-Institutionen verlangen mittlerweile schriftliche Bestätigungen über den Nicht-Einsatz von generativer KI als Voraussetzung für Nominierungen.
Eine einheitliche Branchenlösung gibt es nicht. Aber der Fall Crimson Desert hat zumindest eines deutlich gemacht: In einer Industrie, in der handwerkliche Qualität als Verkaufsargument gilt, kostet fehlende Transparenz Vertrauen – auch wenn das Spiel selbst gut ist.
KOMMENTARE (0)