Die 22. BAFTA Games Awards haben am 17. April 2026 in der Queen Elizabeth Hall des Southbank Centre in London stattgefunden – und sie haben eine Geschichte geschrieben, die sich nur auf den ersten Blick wie die nächste Fortsetzung des Clair-Obscur-Triumphzugs liest. Das Rollenspiel von Sandfall Interactive holte zwar den Hauptpreis als bestes Spiel und damit den wichtigsten Award des Abends, musste aber in mehreren Kategorien, in denen es zuvor auf anderen Bühnen unangefochten dominiert hatte, zurückstecken. Dispatch zog mit ebenfalls drei Siegen gleich, Ghost of Yōtei sammelte technische Trophäen, und Kingdom Come: Deliverance II schnappte sich die beste Erzählung. Die Verteilung der Preise sagt mehr über den Zustand der Branche aus als jede Pressemitteilung.
Clair Obscur gewinnt das Wichtige – und verliert das Interessante
Sandfall Interactive ging mit zwölf Nominierungen als großer Favorit in die Gala und kam mit drei Preisen heraus: Best Game, Debut Game und Performer in a Leading Role für Jennifer English als Maelle. Für ein Debütstudio ist das eine Ausbeute, von der die meisten Entwickler ein Leben lang träumen, und gerade der Hauptpreis hatte angesichts der Konkurrenz aus Arc Raiders, Blue Prince, Dispatch, Ghost of Yōtei und Indiana Jones and the Great Circle durchaus Gewicht.
Bemerkenswert ist trotzdem, wo das Spiel nicht gewann. Bei den Game Awards 2025 hatte Clair Obscur noch neun Trophäen abgeräumt und bei den DICE Awards im Februar 2026 acht – jetzt blieben Kategorien offen, in denen ein Sieg fast gesetzt schien. Die beste Erzählung ging an Kingdom Come: Deliverance II und damit an ein Spiel, das bei den Game Awards noch Clair Obscur unterlegen war. Die künstlerische Leistung holte sich Death Stranding 2: On the Beach, das Game Design überzeugte in Form von Blue Prince, und in der Kategorie neue Marke setzte sich South of Midnight durch. Das ist kein Einbruch, aber eine spürbare Korrektur nach oben hin zu einer breiteren Streuung.
Dispatch zieht gleich und überrascht in drei Kategorien
Der eigentliche heimliche Sieger des Abends heißt Dispatch. Das Superhelden-Adventure ging mit neun Nominierungen ins Rennen und gewann ebenfalls dreimal: Animation, Audio Achievement und Performer in a Supporting Role. Letzteren Preis holte Jeffrey Wright für seine Darbietung als Chase – eine Auszeichnung, die Charlie Cox für seine Rolle als Gustave in Clair Obscur ebenfalls im Auge hatte. Cox war an dem Abend sogar als Laudator für die Multiplayer-Kategorie auf der Bühne und hätte eine Dankesrede halten können, wenn es anders gelaufen wäre. Stattdessen prämierte die Academy jene Nebenrolle, die in einem Spiel mit fast durchgängig erzählerischer Schlagkraft funktionieren musste.
Dass Dispatch in Animation, Audio und Darstellung punktete, ist weniger ein Zufall als ein Muster. Das Spiel ist produktionstechnisch extrem dicht gebaut, und die BAFTA belohnt diese Art von handwerklicher Präzision traditionell stärker als manch andere Preisverleihung. Für das Studio hinter Dispatch ist der Abend ein Signal, ernster genommen zu werden als es die oberflächliche Nominiertenliste vermuten ließ.
Ghost of Yōtei, Kingdom Come und der Rest des Gewinnerfelds
Ghost of Yōtei ging bei acht Nominierungen mit zwei Preisen nach Hause, und zwar in genau den Kategorien, die für Sucker Punch Productions strategisch wichtig sind: Musik und technische Leistung. Besonders der Musikpreis gilt als kleine Überraschung, weil Clair Obscur mit seinem Soundtrack als praktisch gesetzt galt. Kingdom Come: Deliverance II von Warhorse Games sicherte sich die beste Erzählung und liefert damit einen späten Triumph für ein Spiel, das in der Preissaison lange in Clair Obscurs Schatten stand.
Die restlichen Kategorien verteilten sich breit. No Man’s Sky von Hello Games gewann erneut den Preis für Evolving Game und unterstreicht, wie konsequent das Studio seinen Titel über Jahre weiterentwickelt. Lego Party! räumte in der Familienkategorie ab, South of Midnight holte die neue Marke, Atomfall von Rebellion wurde als bestes britisches Spiel ausgezeichnet, und Arc Raiders von Embark Studios setzte sich in der Multiplayer-Kategorie durch. Blue Prince gewann in Game Design und gilt damit inoffiziell als der größte strategische Sieger des Abends, weil der Preis aus einem Feld stammt, in dem auch Clair Obscur nominiert war.
Ilkka Paananen und der Fellowship Award
Außerhalb der Wettbewerbskategorien richtete sich das Scheinwerferlicht auf Ilkka Paananen. Der finnische Mitgründer und CEO von Supercell erhielt den BAFTA Fellowship, die höchste Auszeichnung der Akademie, und reiht sich damit in eine Liste ein, auf der unter anderem Hideo Kojima, Shuhei Yoshida, Tim Schafer und Yoko Shimomura stehen. Die Begründung geht über den wirtschaftlichen Erfolg von Clash of Clans, Clash Royale und Brawl Stars hinaus. BAFTA-CEO Jane Millichip würdigte insbesondere die Führungsphilosophie von Supercell mit ihren kleinen, autonomen Teams und Paananens Engagement in der Nachwuchsförderung, unter anderem über die 2015 gegründete Ilkka Paananen Foundation. Für die Branche ist die Wahl ein Statement: Mobile Gaming und Management-Kultur werden auf Augenhöhe mit den großen AAA-Namen gewürdigt.
Was die Verteilung über die Branche verrät
Die Gewinnerliste zeigt eine Industrie, die ihre Spitzen nicht mehr in wenigen Händen konzentriert. Clair Obscur bleibt das meistausgezeichnete Spiel der Gegenwart, aber die BAFTA hat explizit darauf geachtet, Preise breit zu streuen und spezifische Stärken einzelner Titel zu honorieren. Drei Trends lassen sich daraus ablesen. Erstens bleibt der Debüt- und Mid-Tier-Sektor der kreative Motor der Branche – Sandfall, das kleine Team hinter Dispatch und die Independent-Produktion Blue Prince belegen das gleichermaßen. Zweitens werden Erzählung, Musik, Design und technische Umsetzung zunehmend als eigenständige Disziplinen behandelt, nicht als Anhängsel eines Gesamteindrucks. Drittens bleibt britisches Gaming mit Atomfall, PowerWash Simulator 2 und Citizen Sleeper 2 ein kulturell und wirtschaftlich relevanter Standort, den die BAFTA traditionell eigens würdigt.
Für die Spielerschaft heißt das vor allem: Die Zeiten, in denen eine einzige Produktion eine Preissaison dominieren konnte, sind vorbei. Clair Obscurs Triumph in der Hauptkategorie war nie in ernsthafter Gefahr, aber die Art, wie die übrigen Preise vergeben wurden, spricht für eine Akademie, die sich nicht an vergangenen Momenten orientiert. Jurorinnen und Juroren haben offenkundig Lust, eigene Akzente zu setzen, und genau das macht die diesjährige Ausgabe interessanter als viele Vorgänger.
Ein Preisabend, der die Branche neu sortiert
Die BAFTA Games Awards 2026 haben Clair Obscur: Expedition 33 die Krone aufgesetzt und gleichzeitig gezeigt, dass der Titel nicht mehr unangreifbar ist. Dispatch, Blue Prince, Ghost of Yōtei und Kingdom Come: Deliverance II haben in ihren Feldern je eigene Kapitel geschrieben, und die Fellowship-Auszeichnung für Ilkka Paananen macht den Abend auch branchenpolitisch bedeutsam. Wer Spiele entwickelt, vertreibt oder darüber schreibt, bekommt in dieser Gewinnerliste ein präzises Stimmungsbild: Qualität kann aus einem kleinen französischen Studio kommen, aus einer britischen Atomfall-Produktion, aus einer finnischen Mobile-Schmiede. Die Ära der einen Antwort auf alle Fragen ist endgültig vorbei.
Quellen: BAFTA – offizielle Pressemitteilung zum Fellowship, Deadline – komplette Gewinnerliste, PC Gamer – Analyse der Preisverteilung, IGN via AOL – Zusammenfassung aller Kategorien.
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